Der jagdlich ambitionierte Hund und die Verlockungen der Natur – von Anke Lehne

Oder auch das Ergebnis unseres Jagdkontroll-/Antijagdtrainings

 

Das ist Toni. Brandlbracke, von Beruf „Schalenwildschubse“ also Stöberhund auf Bewegungsjagden. Sie hat genug Schneid und Beutewillen, auch Schwarzwild zu bewegen oder krankes Rehwild zu packen und zu erlösen. Ihre jagdliche Motivation darf also durchaus als hoch bezeichnet werden, trotzdem möchte ich meinen Hunden möglichst viel Freilauf gewähren und dabei selber auch noch entspannen können. Das geht, wenn wir die nachfolgenden Regeln etablieren konnten, sehr gut. Und da wir auf Schmerz-, Schock- und Schreckreize verzichten, uns deutlich auf positive Motivation konzentrieren, besteht auch wenig Gefahr, dass das sensible Brackentier im Jagdeinsatz die Handbremse anzieht.

Wenn Hunde Regeln verstanden haben, braucht man sie weder wie Luchs beobachten, noch muss man sie dauernd mit Signalen steuern.

Regel 1: Gassi findet auf dem Weg und im nahem Randbereich statt (diese Wiese ist unsere eigene, da dürfen sie eigentlich ungefragt weiter drauf, BGS Xaver schnuffelt also erlaubt Hundespuren und blickt gar nicht, dass da was ist), Toni bleibt eigenständig auf dem Asphalt, obwohl sie sich für eine Nilgans, die verlockend auf der Wiese läuft, deutlich interessiert.

Regel 2: Nur weil da ein jagdlicher Bewegungsreiz ist, wird ohne Auftrag nicht gehetzt. Toni reagiert auf die auffliegende Gans mit eigenständigem Stehenbleiben.

Regel 3: Möchtest Du eine Freigabe, dann frage durch Blickkontakt. Toni fragt, bekommt aber keine Freigabe, sondern ein Lob für ihre Leistung und Kooperationsbereitschaft (im Aufbau gibt es da natürlich regelmäßig wirksame Belohnungen und möglichst niemals die Möglichkeit, doch durchzustarten.) Das Lob ist wichtig, damit sie merkt, dass wir noch im Team unterwegs sind und ich auch weiterhin gefragt sein möchte.

Da Hunde aber nicht besser als Menschen sind, kann es natürlich immer mal sein, dass sie Regeln vergessen oder ignorieren, daher kennen die Bracken auch Abpfeifen und Stoppen hinter Wild (der BGS kennt nur rudimentären “Gehorsam” und wird daher mehr gemanagt).

Ob Witterung, Spur, Wild im Anblick, anderer Hund oder was auch immer der Hund plötzlich extrem spannend findet, bitte erst zurückhalten, fragen und dann sehen wir weiter. Sind die Bracken explizit zur Jagd geschickt, agieren sie natürlich eigenständig und ich habe nur noch Stopp/Hier zum Steuern, so sie überhaupt in Hörweite sind.

Anmerkung: Da ich will, dass meine Bracken wie der Teufel jagen, führe ich diese Regeln erst ein, wenn genau das der Fall ist, also frühestens nach der ersten DJ-Saison.

Der Film sieht sehr unspektakulär aus. Aber so ist unser Gassi zu 98%, Hier und Stopp brauche ich so gut wie gar nicht. Aber was man nicht zeigen kann, wird heutzutage sofort in Frage gestellt. Also hab ich alle unsere Gassi-Regeln gebrochen.

Ich habe provoziert, dass Toni ungefragt zum Jagen startet indem ich vorher beim Gassi über eine halbe Stunde lang alle von Toni gezeigte Impulskontrolle an in dem Gebiet hoppelnden Kaninchen und ihre Rückfragen an mich unkommentiert gelassen habe. 

Im Vollbild kann man ziemlich weit vorne am rechten Wegrand Kaninchen sitzen sehen, die dann nach links in den Wald verschwinden, Kanin gibt es bei uns nicht und sie reizen meine Hunde daher sehr. Das korrekte Verhalten nach dem Pfiff habe ich absichtlich nur gelobt und mit einem Keks bezahlt (und nicht belohnt), weil ich gerne noch eine Sequenz einfangen wollte, wo sie noch mehr Dampf bringt, denn hier läuft Toni eindeutig noch gebremst.

Das ist eine Sequenz direkt nach dem Abpfeifen. Wir nähern uns der Stelle, wo die Kaninchen in den Wald sind. Der BGS schnüffelt angeleint neben mir und Bracke Toni erblickt die grauen Flitzer, die wiederum nun sofort losstarten. Die Hündin sprintet mit dem von mir gewünschten Dampf hinterher. 

Hier sieht man, was ich bei sehr vielen Hunden mit “will to kill” beobachte: Stopp (mein “Oii!”) ist bei höchster Erregung meist “einfacher” oder kommt besser durch als das “Hier!”. Und ich erlaube mir dann stimmlich auch die Dringlichkeit zu übermitteln, das ist dann keine Bitte, sondern eine Arbeitsanweisung.

Ich denke man kann sehen, dass Toni nicht aus Furcht vor irgendetwas bremst. Ich erarbeite das ohne Wurfgeschosse, Rappeldosen, Bedrohungen. Es gibt viel Premackbelohnung und No Reward Marker und Sicherung durch Leine/Zaun/Helfer. Das klappt aber nur, wenn ich den Hund überzeugen kann, dass sich Kooperation im Zusammenleben mit mir für ihn überwiegend lohnt – nur die Übungen zu Stopp/Hier nachturnen ist nicht ausreichend, wenn der Hund auch bei wirklich hohen Reizen gut kontrollierbar bleiben soll.

Die Verwirrung durch meine eigene plötzliche Herausnahme aus unserem Team und Bruch unserer gemeinsamen Regeln musste ich auf den nächsten Runden natürlich wieder beseitigen – regelmäßig sollte ich so einen Quatsch nicht machen, das wäre dem Hund gegenüber unfair. Aber dauerhaft Filmen während eines Jagdeinsatzes, um sowas mal zeigen zu können, ist auch nicht meins, da will auch ich Beute machen.

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